688 – Soest macht Krach: Warum „nur kurz zur Kirmes“ ein gewagter Plan ist
„Ich gehe nur mal kurz gucken.“
Ein harmloser Satz. Bis du ihn Anfang November in Soest aussprichst. Dann triffst du an der nächsten Ecke jemanden, den du ewig nicht gesehen hast. Aus einer Runde durch die Stadt werden drei. Und irgendwann stehst du mit Senf am Ärmel vor einem Fahrgeschäft und erklärst sehr überzeugend, warum du da selbstverständlich noch mitfahren musst.
Vom 4. bis 8. November 2026 ist es wieder so weit: Soest feiert seine 688. Allerheiligenkirmes. Fünf Tage lang darf der Alltag kurz warten. Er weiß inzwischen, dass Diskutieren wenig bringt.
Wenn die Altstadt plötzlich Schleudergang hat
Die Allerheiligenkirmes gilt als Europas größte Altstadtkirmes. Rund 300 Schausteller sind 2026 angekündigt; das Kirmesgelände erstreckt sich über etwa 50.000 Quadratmeter mitten in der historischen Innenstadt.
Genau diese Nähe macht den Reiz aus. Eben schaust du noch auf ein altes Fachwerkhaus, kurz darauf auf Menschen, deren Frisuren gerade unabhängig vom Rest des Körpers unterwegs sind.
Und während du unten noch überlegst, ob du dich traust, hört sich das „Ist doch gar nicht so hoch!“ von oben plötzlich erstaunlich schrill an.
Sechs Schilling für die Geschichtsbücher
Die älteste erhaltene schriftliche Erwähnung der Soester Kirmes stammt von 1338. In einer Stadtrechnung wurden damals sechs Schilling für die freie Kirmes vermerkt. Lange war eine Quelle von 1417 die Grundlage für die Zählung gewesen. Der ältere Nachweis rückte den Ausgangspunkt um ganze 79 Jahre zurück.
Andere versuchen, auf Fotos jünger auszusehen. Die Soester Kirmes legt beim Blick ins Archiv erst einmal 79 Jahre drauf.
Und die sechs Schilling? Bitte nicht als historischen Fahrpreis verstehen. Das war ein Eintrag in der Stadtrechnung – kein mittelalterliches Angebot für drei Runden Autoscooter.
Das Bullenauge: Eine Sitzung mit erstaunlichen Folgen
Wer den Namen zum ersten Mal hört, darf kurz irritiert sein. Gemeint ist die Soester Spezialität aus Mokkalikör und Sahne.
Die Geschichte dahinter erzählt das Soester Stadtmarketing so: 1964 ging bei einer Bauausschusssitzung der Hellweg-Molkerei der Korn aus. Landrat Blume kombinierte daraufhin vorhandenen Mokkalikör mit Schlagsahne. Das Aussehen der Mischung erinnerte die Runde an ein Bullenauge.
Die meisten Sitzungen hinterlassen ein Protokoll. Diese bescherte Soest ein Getränk mit eigener Fangemeinde.
Man kann also festhalten: Auch ein leerer Vorratsschrank hat gelegentlich kulturelles Potenzial.
Donnerstag ist Pferdemarkt – und „brauche ich nicht“ verhandelbar
Der traditionelle Pferdemarkt gehört zum Kirmes-Donnerstag, 2026 also zum 5. November. Zum Marktgeschehen zählen auch Händler und Marktschreier mit ganz unterschiedlichen Waren.
Eine gute Gelegenheit, die eigene Standfestigkeit zu testen. Du kommst schließlich nur zum Schauen. Dann führt jemand ein Haushaltsgerät vor, das offenbar sämtliche Probleme deiner Küche lösen kann.
Zehn Minuten später hältst du etwas in der Hand, von dessen Existenz du morgens noch nichts wusstest.
Ob du es brauchst? Eine Frage für die Zeit nach der Kirmes.
Der Duft entscheidet mit
Ein Kirmesrundgang lässt sich hervorragend planen. Bis es nach Reibekuchen riecht.
Dann wird aus „Wir essen später“ sehr schnell „Wir können uns ja eine Portion teilen“. Ein vernünftiger Vorschlag – bis beide feststellen, dass Teilen bei knusprigen Reibekuchen ein erstaunlich anspruchsvolles Beziehungsthema ist.
Bei gebrannten Mandeln liegt das Problem anders: Die Tüte war für zu Hause gedacht. Nur hat zu Hause leider den Nachteil, nicht direkt neben dem Mandelstand zu liegen.
Unsere eigene Kirmes-Panne: Plötzlich waren es 828
Dieses Gefühl zwischen Vorfreude, Wiedersehen und „Eine Runde geht noch“ steckt auch in unserem Rap „688 – Soest macht Krach“.
Eine echte Anekdote aus seiner Entstehung gibt es gleich dazu: In einer gesungenen Version wurde ausgerechnet aus der 688 eine 828. Da war die Vorfreude offenbar schon 140 Ausgaben weiter.
Wir sehen uns – vermutlich an der nächsten Ecke
Bei all den Fahrgeschäften bleiben oft die kleinen Begegnungen hängen. Jemand ruft deinen Namen. Ein Gespräch beginnt, für das im Alltag nie Zeit war. Und plötzlich ist der geplante Heimweg noch einmal verschoben.
Genau dieses Wiedersehen gehört für uns zum Kirmesgefühl. Dazu das Kribbeln vor der nächsten Fahrt und die feste Überzeugung, dass diesmal wirklich nur noch eine Runde drin ist.
Also: Bequeme Schuhe an und Vorfreude mitbringen. Vom 4. bis 8. November 2026 macht Soest wieder Krach.
Und falls jemand fragt, wann du zurück bist: Überleg dir gut, ob du „gleich“ sagen möchtest.